ihr Arsch

Spätestens am Freitag, also in drei Tagen, da musste er es sagen. Laut. So laut, dass sie es gehört haben musste. Außerdem musste er seinen Koffer gepackt haben, die Wohnungstür öffnen und gehen, bis zum Auto und dann noch fahren – hinaus aus diesem Albtraum und hinein in dieses Nirgendwo. „Hast Du überhaupt jemals auf mich gestanden?“, hatte sie vor ein paar Wochen gefragt und er hatte postwendend eine erstaunlich schöne Antwort herausgebracht. Doch später hatte er versucht etwas in seiner Erinnerung zu finden, etwas Ehrliches. Und da war nur ihr Arsch in dieser Jeans. Er hatte nie Sex gehabt vor ihr, obwohl er schon fast dreißig war. Heute hatten sie es wieder nicht getan. Doch darüber war er kein bisschen traurig, der Verkehr mit ihr war eigentlich nur viel Arbeit gewesen und statt Liebe hatte er Hass, stets mehr und mehr Hass geerntet. Ja, wirklich kluge, ausführlich begründete Thesen, dass er ziemlich scheiße sein musste und zwar nicht nur im Bett. War er bestimmt zu ihr, zumindest wenn er nicht bald gehen würde. Nicht dass er sie schlagen würde, nein. Eher erstechen.

getrennt zusammen

Langsam – ein bisschen zu langsam – liefen sie nebeneinander her und die kleinen Steine bohrten sich sanft in seine Fußsohlen und er wünschte es sich mehr als sonst. Einfach mal wieder den Arm um sie legen und sie an sich ziehen und, ja, sie würde ihn küssen wie damals vor ihr, der kleinen Version von ihnen, die ein paar Meter hinter ihnen glucksend Muscheln sammelte. 
Sie wollte dasitzen und einfach nur sehen wie die Sonne mit der Nacht verschmolz und den Kopf an seine Schulter legen. Doch er würde dann wieder mehr wollen und das endete eigentlich immer in irgendeiner Auseinandersetzung. Außerdem wäre es vielleicht endgültig vorbei und zwar nicht für sie, nein, für Lydia und sie seufzte und lächelte ihn an mit einem dieser falschen Lächeln, die sie vor dem Spiegel geübt hatte.
Als er zu später Stunde das Zimmer verließ, wusste sie, dass er wieder zu diesen Frauen ging und der Groll von damals kroch ihre Brust hinauf und löste sich in einem: „Weck mich später bitte nicht, Mark, und geh’ duschen. Ich will hier nicht überall diesen Geruch nach billigem Parfüm haben.“ Er verließ das Zimmer mit diesem Gefühl, das ihn von innen auffraß und das er so gewohnt war, seit, ja, seit sie getrennt zusammen lebten.
An diesem Abend passierte es jedoch gleich auf der Treppe. Er bemerkte zuerst ihre Haare, irgendwie total wild, und dieses Lächeln, ungeschminkt und ehrlich. Vielleicht würde er hier auf Sylt auch eine kleine Affäre beginnen, dachte er noch ehe er sie ansah mit diesem Blick, den er hervorzaubern konnte; ebenso gekonnt wie sein lässiges Grinsen. Sie und er, Nacht für Nacht in den kommenden zehn Tagen, das wäre doch was. Während der Gedanke seinen Körper durchflutete, fing sein Blut zu pochen an. Dort, wo er es am liebsten spürte. Ihr war wohl auch nach einem Getränk, denn er musste nicht mal besonders charmant sein. Sie hieß Tonja und später schafften sie es kaum aufs Hotelzimmer. Sie liebten sich die ganze Nacht und als er gegen Mittag aufwachte, wollte er nicht zurück. Während er die Zimmerdecke betrachtete und den Geruch der letzten Nacht noch einmal tief in sich aufsog, lächelte er und blieb. Erst um zwei rief er Arianne an. Es war ein kurzes Gespräch, kurz und kalt, erschreckend wenn man bedachte, was da nun wirklich alles für immer zerbrach.