ihr Arsch

Spätestens am Freitag, also in drei Tagen, da musste er es sagen. Laut. So laut, dass sie es gehört haben musste. Außerdem musste er seinen Koffer gepackt haben, die Wohnungstür öffnen und gehen, bis zum Auto und dann noch fahren – hinaus aus diesem Albtraum und hinein in dieses Nirgendwo. „Hast Du überhaupt jemals auf mich gestanden?“, hatte sie vor ein paar Wochen gefragt und er hatte postwendend eine erstaunlich schöne Antwort herausgebracht. Doch später hatte er versucht etwas in seiner Erinnerung zu finden, etwas Ehrliches. Und da war nur ihr Arsch in dieser Jeans. Er hatte nie Sex gehabt vor ihr, obwohl er schon fast dreißig war. Heute hatten sie es wieder nicht getan. Doch darüber war er kein bisschen traurig, der Verkehr mit ihr war eigentlich nur viel Arbeit gewesen und statt Liebe hatte er Hass, stets mehr und mehr Hass geerntet. Ja, wirklich kluge, ausführlich begründete Thesen, dass er ziemlich scheiße sein musste und zwar nicht nur im Bett. War er bestimmt zu ihr, zumindest wenn er nicht bald gehen würde. Nicht dass er sie schlagen würde, nein. Eher erstechen.

mein Gefährte

Der Tod würde mir gut stehen. So denke ich oft. Man wird hier nicht wirklich benötigt, leidet echt auf freiwilliger Basis. Hoffe oft, dass mal was passiert und ich sofort wieder hinüber stiefeln darf, in diese Welt mit den ganzen Farben, die ich aus meinem Geist kenne, wo die ganzen totgelaubten Seelen ihren Frieden gefunden haben. Da, wo wir eigentlich leben, immer gelebt  haben. Schön dort, schöner sogar. Manchmal lege ich mich vor dem Schlafengehen in meiner Phantasie noch dicht neben die Schienen und fühle ihn mal wieder. Ist ein netter, der Tod, so bisschen netter als Menschen. Außerdem immer da, versteckt sich überall. Und wenn die Sehnsucht nach einem schönen Moment mal zu groß ist, einfach mal kurz innehalten und schauen, wo er ist, der Schlauberger. Vors Auto rennen, Klassiker oder? Aber so in echt wär es doch am geilsten, mal irgendwie ein Motorrad kaufen und so lange grenzwertig rum düsen, bis es zu knapp wird. Die Todeschancen sind echt hoch. Oder klar so zu viel Heroin, nur wer verkauft das einem, wenn man so strebermäßig aussieht wie ich. Das einzig attraktive Kleidungsstück in meinem Schrank ist eine Hose, weil man die Beine mit einem Reißverschluss wegmachen kann, und dann hat die trotzdem noch so riesige Bauarbeitertaschen und klar, hellbraun ist die halt auch. Aber der Tod mag mich trotzdem. Mag jeden, denn der checkt ganz genau ab, was so wirklich abgeht, und dann hat der schon ein Hammerzeitmanagement. Manchmal sehe ich ihn ganz dicht bei Menschen, sogar Bekannten, manchmal. Macht mich allerdings nicht traurig. Neidisch eher, hab mich oft gefragt, wieso die zuerst wieder zurück dürften. Will doch echt viel lieber wie die. Doch so denkt der nicht, ist loyal, der Tod. Manchmal grinst er ganz süß rüber, wenn er an jemandem riecht. Der riecht nämlich erst mal und je nachdem bleibt er gleich da. An mir soll der mal riechen, denk ich dann ganz laut. Ist dem leider egal und deswegen atme ich immer noch. Mein Herz klopft auch eifrig und die Menschen müssen mich halt weiter ertragen. Die sind mir eigentlich auch manchmal zu viel, nur so lange der Tod hier rumschnüffelt, ertrag ich die Leute und die ganze Story mit dem Zusammenleben.

getrennt zusammen

Langsam – ein bisschen zu langsam – liefen sie nebeneinander her und die kleinen Steine bohrten sich sanft in seine Fußsohlen und er wünschte es sich mehr als sonst. Einfach mal wieder den Arm um sie legen und sie an sich ziehen und, ja, sie würde ihn küssen wie damals vor ihr, der kleinen Version von ihnen, die ein paar Meter hinter ihnen glucksend Muscheln sammelte. 
Sie wollte dasitzen und einfach nur sehen wie die Sonne mit der Nacht verschmolz und den Kopf an seine Schulter legen. Doch er würde dann wieder mehr wollen und das endete eigentlich immer in irgendeiner Auseinandersetzung. Außerdem wäre es vielleicht endgültig vorbei und zwar nicht für sie, nein, für Lydia und sie seufzte und lächelte ihn an mit einem dieser falschen Lächeln, die sie vor dem Spiegel geübt hatte.
Als er zu später Stunde das Zimmer verließ, wusste sie, dass er wieder zu diesen Frauen ging und der Groll von damals kroch ihre Brust hinauf und löste sich in einem: „Weck mich später bitte nicht, Mark, und geh’ duschen. Ich will hier nicht überall diesen Geruch nach billigem Parfüm haben.“ Er verließ das Zimmer mit diesem Gefühl, das ihn von innen auffraß und das er so gewohnt war, seit, ja, seit sie getrennt zusammen lebten.
An diesem Abend passierte es jedoch gleich auf der Treppe. Er bemerkte zuerst ihre Haare, irgendwie total wild, und dieses Lächeln, ungeschminkt und ehrlich. Vielleicht würde er hier auf Sylt auch eine kleine Affäre beginnen, dachte er noch ehe er sie ansah mit diesem Blick, den er hervorzaubern konnte; ebenso gekonnt wie sein lässiges Grinsen. Sie und er, Nacht für Nacht in den kommenden zehn Tagen, das wäre doch was. Während der Gedanke seinen Körper durchflutete, fing sein Blut zu pochen an. Dort, wo er es am liebsten spürte. Ihr war wohl auch nach einem Getränk, denn er musste nicht mal besonders charmant sein. Sie hieß Tonja und später schafften sie es kaum aufs Hotelzimmer. Sie liebten sich die ganze Nacht und als er gegen Mittag aufwachte, wollte er nicht zurück. Während er die Zimmerdecke betrachtete und den Geruch der letzten Nacht noch einmal tief in sich aufsog, lächelte er und blieb. Erst um zwei rief er Arianne an. Es war ein kurzes Gespräch, kurz und kalt, erschreckend wenn man bedachte, was da nun wirklich alles für immer zerbrach.