Bobs Umarmung

Der Klang seiner Stimme war heute seltsam sanft, wiederholte er stumm und dachte an Bob, seinen Jüngsten. Der hatte vor der Schule geweint und während ihrer Begegnung im Flur war ihm am Ende bewusst geworden, wie sehr er selbst sie gebraucht hatte, diese Umarmung. Nicht dass irgendwas im Argen wäre, sondern nur wegen seinem Herz, der Seele oder halt sowas. Eigentlich hatte er sich nie Gedanken über so Themen wie Gott und Seele und den ganzen Kram gemacht. Doch vorhin auf dem Weg zur Arbeit ist irgendwas passiert und jetzt hatte Silke, seine Arbeitskollegin, eben gesagt, dass seine Stimme so anders wäre und er hatte nachgefragt und ihre Antwort war: „So sanft, Herbert“. Der Tag verlief unspektakulär wie es so oft der Fall war. Doch in ihm, irgendwo, war etwas passiert. Er verstand nur noch nicht was. Als er sich kurz nach 16 Uhr auf den Heimweg machte, hatte er jedoch noch keine plausible Erklärung dafür. Gleich würde er zuhause ankommen und den VW in die Garage fahren. Seine Frau wollte später noch zum Yoga verschwinden, eigentlich ganz gewöhnlich. Trotzdem war ihm sein Leben heute so fremd erschienen. Als wäre er neugeboren, schoss ihm durch den Kopf und sein Körper zuckte reflexartig. Dieses Vokabular hatte er sonst als so abstoßend empfunden. „Wie neugeboren“, dachte er erneut und versuchte die Wirkung der Worte zu erfühlen. „Wie neugeboren.“ Und ein Lächeln huschte über sein Gesicht und der Song im Radio stimmte ihn seltsam fröhlich. Der VW glitt in seine Garage wie immer. Seine Frau traf er im Wohnzimmer, ihre Blicke begegneten sich kurz und schweiften sogleich aneinander vorbei. Sein kurzer Kuss gehört auch nur noch zum guten Ton, dachte er noch, während sie ihm von Bob und Friederike erzählte. Er bemerkte ihr Lächeln während sie von ihnen sprach und drückte sich ungewohnt tief ins erstauntlich bequeme Sofa. Ihre Reaktion war ein kurzer befremdlicher Blick und traf ihn seltsam schmerzhaft. Irgendwann lief sie in die Küche und er wollte sie wie gewohnt um ein Getränk bitten, doch er stockte, stand auf und folgte ihr. Als er den Kühlschrank öffnete, sah sie ihn zuerst fast panisch und dann irgendwie amüsiert an. Tatsächlich hatte er diesen nur selten geöffnet. Ihn durchfuhr ein Gefühl, ja Angst durchfuhr ihn. Es folgte keine Diskussion, sondern ein seltsam tiefer Blick, den ihre dunkleblauen Augen so anziehend machten. Sie folgte ihm und setzte sich zu ihm und da fletzten sie auf dem Sofa, stumm. Sie fletzten dort, weil Friederike ihre Sitzform vor zehn Minuten im Vorbeigehen so getauft hatte. Doch Lena, seine Frau, hatte nur gegrinst und seine Hand genommen. Es war besser als Sex dachte er, dieses Händchenhalten – und lang her. Sie saßen dort stumm und lächelten. Er streichelte sie sanft, die Hand und wünschte sich ein leeres Haus.Er verstand nie wirklich was damals, wohl durch Bobs Umarmung, in ihm geweckt wurde. Er wusste nur, dass er froh war, es wieder zu fühlen, diese Liebe oder dieses Leben. Doch am glücklichsten war er über sie, Lena, die auf seine Rückkehr gewartet hatte. 

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